ROSSO - ROT

Erinnerungen und Erlebtes, hervorgerufen durch die Betrachtung eines Gemäldes, das selbst schon Metapher für eine Schilderung ist, werden als Audioaufnahmen der Künstlerin übermittelt, die daraus ein neues Werk entstehen lässt. Dieses löst in der Folge neue Eindrücke aus, das nächste Werk und so fort. Wir sehen also eine Überlieferung geteilter Erfahrungen in abwechselnd mündlicher und malerischer Form.

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Clip 1, 2 und 3: Original-Erzählungen in Italienischer Sprache

Clip 4: Original-Erzählungen in Deutsch, Französisch und Englisch

Clip 5: Geschichten übersetzt in Deutsch



Uebersetzungen Clip 1, 2 und 3

CLIP 1

- Eine Schichtung paralleler Ebenen, die in dir sind und zugleich draussen. Ein Spiel zwischen der Welt und dir selbst, bei dem es zu erkennen gilt, was einem bevorsteht, wie viele Wege vor dir liegen, wie viele Wege die Anderen haben und wie du diese kreuzen kannst. All dies in einer noch weiteren Dimension, die man wieder und wieder vervielfältigen kann.

- Angst überkommt mich. Das offenkundige Chaos. Die tausend Wege, die das Leben bietet. Wofür und wie entscheide ich mich? Wohin gehe ich und bei wem bleibe ich? Entschlossen gehe ich in eine Richtung, voller Kraft, mit einem Rot der Liebe. Der Mut treibt mich an, mich in Bewegung zu setzen, weiterzugehen, und dann? Verschlungene, chaotische Wege, Enttäuschungen allgegenwärtig. Und wenn ich anhielte und nicht mehr nachdenken würde? Zulassen würde, dass das Grün der Hügel mir die Weite des Herzens schenkt, die nötige Weite, um die Richtung zu erkennen? Ich denke nicht mehr, und alles beginnt zu fliessen. Heiter, hoffnungsvoll wandere ich weiter in Richtung des Flusses der vielfältigen Nuancen des Wassers und Farbtöne des Himmels, der unzähligen, beruhigenden Schattierungen des Blau.

- Als ich an der Schulbank sass oder nachmittags zuhause bei den Hausaufgaben, malte ich ähnliche Formen. Es ging mir nicht gut, es waren Momente, in denen ich abwesend war, unaufmerksam; ich schaffte es nicht, bei den Aufgaben zu bleiben, besonders, wenn sie mir nicht gefielen. Also zeichnete ich und so entstanden diese Formen, meist in schwarz-weiss. Mir fehlte die Farbe, und nicht nur die.

- Auf einer Linie gehen. Richtung. Verlagerung des Gewichts, Verlust des Gleichgewichts, Schwindel, Erholung. Dann wieder: Verlagerung des Gewichts, Verlust des Gleichgewichts, Schwindel, Erholung, und dann wieder. Noch einmal, immer wieder, bei jedem Schritt. Ich durchquere den Horizont, der zugleich Grenze und Unendlichkeit ist. Eine zerbrechliche Grenze, die bestimmt, was ich bin und wozu ich gehören möchte. Die Reise beginnt, die Reise zu dem, was geschehen muss. 

- Ein kleines Zimmer, erleuchtet von einem schlagenden Herzen. Netzstrümpfe, verfangen in den Klippen zweier Existenzen. Die langen Beine, verwickelt im Strudel der Erotik. Keuchende Körper, schweissig wie in Wüsten, in denen Haie ungestört schwimmen, und kaltes Wassers fliesst aus glühenden Vulkanen. Der Sex ist Krieg, und findet keinen Frieden.

- Tiere, Personen, die rennen, in die Höhe gestreckte Händen. Eine reale Guernica, dicht, fliegende Männer wie bei Chagall. Gespenster, die aus der Ferne zu Meeren werden, und Flüsse, die fliessen. DNA-Stränge, die sich verbinden, Grashalme und Wassertiere. Eine Suche, eine Nichtigkeit und eine heitere Innigkeit der Verflechtung. 

 

CLIP 2

- Die versteckten Gesichter, die ich in diesem Bild sehe, wirken finster und streng mit sich selbst. Sie versuchen aus der Unmenge dieser Farben, Formen und Bewegungen aufzutauchen, herauszukommen und zu etwas zu werden, das zu unserem Leben gehört. So als wollten sie heraustreten, um uns etwas zu sagen, Nachrichten zu überbringen. Oder als wollten sie nur das finden, was sie in dieser farbigen Welt nicht gefunden haben, oder eine Transfiguration in einer anderen Form, einer anderen Welt, einem anderen Sein.

- Das Gemälde löst unterschiedliche Empfindungen in mir aus. Einerseits die Angst, in einen Abgrund zu stürzen, in Situationen gefangen zu sein, aus denen man nicht mehr herauskommt und die einen für immer verändern. Andererseits die Möglichkeit, zu fliehen und wieder atmen, leben und lächeln zu können. Alles ist durchdrungen von Leichtigkeit und Wärme, die eine körperliche Konsistenz zu haben scheinen und dich streicheln. Die Empfindung einer Liebe, die dich vor dem Abgrund warnt, oder vielleicht es ist das, was du empfindest, wenn du ihm entkommst, wie eine ermutigende Umarmung und die Gewissheit, noch zu leben.

- Ich dachte an die Wärme einer Mutter, in deren Körper ein Lebewesen aufwächst, an diese Wärme, die in der Lage ist, eine Kreatur zu gebären. Ich dachte auch, dass das Wasser die Mutter aller Lebewesen ist: Die Erschaffung kommt aus dem Wasser. 

- Ich habe einen tiefen Schmerz empfunden. Ich stelle mir einen Riss vor, auch wenn ich ihn noch nie gesehen habe. Eine unendliche Traurigkeit, echter Schmerz, der tiefste Schmerz, eine Zerteilung, eine Trennung, und all dies mit äusserster Gewalt.

- Jedes Mal, wenn ich nach Mexiko fuhr, sah ich Delfine, Wale. Ich sah bunte Märkte. Oder wenn du durch die Strassen läufst und „la comida della caje“ isst, also Tortillas, Burritos, Frijoles. Ich sah die Kleider der einheimischen Frauen. Ich sah das Meer. Ich sah den Strand. Ich sah die imposanten und wuchernden Bäume. Ich sah all die Farben, die Mexiko dir schenken kann: im Lächeln und in den Erzählungen der Menschen, wenn sie mit ihren von Licht und Freude durchströmten Augen von ihrer Heimat erzählen, davon, wie sehr sie sie lieben, wie sehr sie die Traditionen lieben. Ich sah die Sonnenuntergänge, mein Gott was für Sonnenuntergänge! Ja, all dies habe ich gesehen, es war eine Erleuchtung.

- Diese Wellen kommen auf mich zu und fordern mich auf, selbst Welle zu werden. Ihr Klang ist eine rote Sirene, die mich der Einladung misstrauen und über das Schmeicheln der faszinierenden, aber täuschenden Dinge nachdenken lässt. Aber das Himmelblau zerstreut meine Gedanken. 

 

CLIP 3

- Ich sehe zwei Herzen, die zur gleichen Zeit und im gleichen Raum schlagen. Ich sehe sie durch das Zuhören mit geschlossenen Augen. Vier Hände sehe ich: zwei streicheln, zwei stossen, denn die Welt dort war zu klein, und sie drücken so fest, dass ich fast die einzelnen  Fingerchen spüren kann. Ich sehe es durch unseren eindeutigen Herzschlag. Ich sehe zwei Gesichter, die ich nicht sehen kann. Eines kenne ich nur durch Projektionen, das andere kenne ich im Traum. All dies sehe ich mit geschlossenen Augen und ich spüre es jedes Mal ganz stark, wenn, wie in diesem Augenblick, ein Klang, ein Geruch, ein Hauch, ein Kontakt, ein Geschmack mich wieder an jenen Punkt trägt, an dem mein Sohn und ich denselben Schatten hatten. 

- Nach der blauen Flut das weite Rot. Ich als Kind. Meine Mutter bei der Rückkehr von einer Reise in die algerische Sahara. Ein Geschenk. Eine besondere Rose. Ein  Komplex aus karminroten Kristallen, vereint durch das Agieren der Zeit und geschliffen durch die Kraft des Sturms. Dann der Wind, der die Dünen bis hin zu mir bewegt, gefangen in einer Glasflasche, ein Sand, so faszinierend fein. Derselbe Sand, der mich, inzwischen erwachsen, in anderen Wüsten gestreichelt hat, durchdrungen von Magnetismus und Stille gewordener Energie. 

- Ich entferne mich von hier, indem ich einem verschlungenen Weg folge. Es ist sehr heiss. In einem Wald finde ich Abkühlung. Die Hitze brennt, ich kann kaum atmen. Und nun die Wüste. Aber endlich Wasser: Ich stürze mich hinein, folge dem Strom, spiele mit den Fischen, reinige mich. Ich verlasse die Eintönigkeit, denn eine Explosion an Farben blendet mich. Ich gehe weiter auf meinem Weg. Träume ich? Ist es ein Traum? Wo bin ich, wohin gehe ich? Wen suche ich? Ich verlaufe mich, habe viele Begegnungen. 

- Ich werde es dir zeigen. Ich werde sie dir zeigen, die Qualen der Hölle. Ich werde dir das Danteske Grauen zeigen. Auch du wirst gehört haben, was es bedeutet. Diese Stacheln, diese Schlucht, die ich nicht durchqueren kann. Dann wirst du mir sagen, was du denkst. Jener Arm des Sees... aber welcher Arm? Welcher See? Hier ist eine Wüste zu durchqueren. Hätten wir wenigstens Gummistiefel zum Schutz. Das ist kein Terrain, das man so, ohne Stiefel, durchqueren kann. Ist es möglich, dass der Weg nicht geradlinig sein kann? Dornen und Barren und Regen, und dann sagen sie uns, wir sollen nicht banal sein und wir sollen nicht abgedroschen sein! Wie soll das gehen? Aber eine Gewissheit gibt es zum Glück: die Farbe. Vielleicht kann nur hier die Rettung liegen, in der Farbe. 

- Ich fühle mich in meine Schulzeit zurückversetzt, als wir in den Turnstunden Orientierungsläufe in unseren Wäldern und Orten machten. Ich laufe in den Wald und als Erstes treffe ich auf einen schönen Fluss, der zu einem See führt, der von Bergen umgeben ist, von sanften Hügeln, und er lud sogar zum Baden ein. Nachdem wir alle unsere Punkte gefunden hatten, mussten wir reinkommen und unsere Karte abgeben. Dieses Mal beschloss ich, den Lehrer zu fragen: „Darf ich sie behalten?“